

Alfred Metzger – Rückblick auf meine Jugend
Jugend – der Beginn lässt sich exakt feststellen, aber das Ende?
Ich möchte 1956 aufhören, dort begann für mich ein anderer, berufsbedingter Lebensabschnitt.
Begrenzen wir also den Rückblick auf meine ersten 19 Jahre. Geboren wurde ich am 2. Januar 1937 im Hause meiner Eltern, besser: meiner Großeltern. Sie wohnten zusammen in Graben in der Gartenstraße 21. Vielleicht hieß die Straße damals schon „Robert-Wagner-Straße“, jedenfalls fand um diese Zeit die Umbenennung statt. Nach dem Krieg war es wieder die Gartenstraße, bis sie der Gemeindefusion zum Opfer fiel. Aber Brahmsstraße hört sich auch ganz seriös an und eine seriöse Gasse war das immer schon, zumal dort in den 25 Häusern neben vier Lehrern, einem Gendarm, einem Schornsteinfeger, ausschließlich ordentliche Menschen wohnten und sich die Möbelschreinerei Ebel befand.
Meine früheste Erinnerung, die mir heute noch fotografisch vor Augen steht, ist die an meinen Urgroßvater August Burgstahler, der mir zeigt, wie man mit einem umgedrehten Flitzebogen einen Holzhaken schießen könne. Er starb nach einem häuslichen Unfall kurz vor meinem 2. Geburtstag.
Während meines 3. Lebensjahres begann der 2. Weltkrieg. Mein Vater Karl wurde sogleich eingezogen. Er nahm am Einmarsch in Polen teil und musste bis kurz vor Moskau
marschieren. Dort erfror er sich im Winter 1941seine Füße. In einer abenteuerlichen Odyssee schaffte er es zurück bis Göppingen, wo ihm im Lazarett die Füße zurechtgestutzt wurden. Der Krieg als kämpfender Soldat war für ihn damit beendet. Ende 1940 und Mai 1943 kamen mein Brüder Bernd und Dieter zur Welt. Wir hatten eine lebhafte Familie und der Großeltern Haus war gut gefüllt.
Sobald man „trocken“ war, durfte man in die Kinderschule. Bei mir war es die in der Kaiserstraße. Die Diakonissenschwester Luise war lieb und streng zugleich. Alle mochten sie. Die Zahl der betreuten Kinder ist mir nicht mehr gegenwärtig. Es waren viele. Grundsätzlich war Mittagsschlaf verordnet. Jedes hatte sein Kissen, legte es vor sich auf den Tisch, den Kopf darauf und gab für einige Zeit Ruhe. Soweit es die Witterung zuließ, war der überdimensionierte Sandplatz im Hof allgemeiner Aufenthaltsort.
Für die zahlreichen Kinder in der oberen Gartenstraße war die Straße täglicher Spielplatz, ergänzt durch das „Grasplätzle“, einem Stück Wildnis, dort wo Garten- und Werderstraße zusammenstießen und zugleich endeten. Die Firma Ebel hatte hier ihre Brettervorräte gestapelt und von der Gemeinde lagen dort Betonröhren. Ein prächtiger Platz für allerlei Spiele.
Die Straße sah aus wie viele Straßen im Dorf. Gepflasterte Rinnen, die „Gräwlen“, begrenzten beiderseits die Straße von den naturbelassenen Gehwegen. Die Straße selbst war geschottert. Die beiden Rinnen waren dazu da, das Regenwasser der Straße und der Gehöfte, sowie Spül-, Wasch-, Badewasser und was sonst nicht in die Pfuhllöcher gehörte, abzuleiten. Unsere Straße war unterdolt. Einflüsse in die Unterwelt gab es am jeweiligen Ende und in der Straßenmitte. Im Winter bildeten sich regelmäßig Eisbahnen auf den Gräwlen. Zum „Schleifen“ waren diese super und auch zum Rosskopffahren.
Autos hatten Seltenheitswert. Ab und zu kam ein Pferde- oder Kuhfuhrwerk vorbei. Dem war auszuweichen. Aber sonst gehörte die Straße der Jugend. Fußball hätte man gerne gespielt, doch Bälle gab es nicht. Man pflegte manches Ersatzspiel. Beliebt war „Raus- und naus-treiberles“. Zwei Mannschaften standen sich auf der Straße gegenüber und ließen eine Holzscheibe mit Karacho rollen. Von dort wo diese gestoppt wurde, durfte sie zurückgerollt werden. Das ging, bis ein Straßenende erreicht wurde. Gerne machte man das auch auf der Adolf-Hitler-Straße, wie die heutige Karlsruher Straße damals hieß. Die war geteert und die Scheiben rollten besser. Autos kamen auch hier nur „alle Schaltjahre“ vorbei.
Mein Großvater, Fritz Ruthardt, war selbständiger Schuhmachermeister und hatte seine Werkstätte im Nebengebäude. Dort habe ich mich gerne aufgehalten. Er konnte lebhaft erzählen und ließ auch manche Bastelei zu. Besonders interessant war es, wenn Kunden kamen und sich mit Großvater unterhielten. Hier konnte ich viele Weisheiten aufschnappen. Krönung war der Besuch des „Kammereronkels“. Er war ein würdiger älterer Herr mit gepflegtem weißen Bart. Ein Hagestolz, der seine offenbar nicht knappen Kröten als weltweit Reisender, also als Firmenvertreter, verdient hatte. Er wohnte im Hirschen, der ihm auch gehörte. Stets brachte er viel Zeit mit und die Gespräche hatten etwas von 1001er Nacht. Jedenfalls für meine Ohren.
In den 40er Jahren wurde mehr und mehr der Krieg spürbar. Nicht nur, dass überall die Väter fehlten. Immer wieder kam die Nachricht über Tod oder Vermisstsein.
Alle Fenster mussten nachts geschlossene Läden haben und selbst Ritzen wurden zur „Verdunkelung“ abgedichtet. Wenn Fliegeralarm kam, das geschah meist wenn nachts Bomberverbände hoch über das Dorf zogen, wurde einfach der Strom abgeschaltet. Mit Kerzen musste man sich behelfen oder mit Öllampen. Da die „elektrische Zeit“ kaum 30 Jahre alt war, gab es überall auf dem Dachboden noch Ölfunzeln die jetzt zu neuen Ehren kamen. Zumindest die Großeltern fühlten sich wieder in ihre Jugend versetzt. Ab 1944 wurden die Luftangriffe immer zahlreicher. Tiefflieger kamen jetzt auch tagsüber und hatten insbesondere den Bahnhof Graben-Neudorf und die Bahnstrecken im Visier. Selbst Bauern auf dem Felde wurden mit „Bordwaffen“ genannten Maschinengewehren angegriffen. Jeder dieser „Jabos“ trug zwei 5-Zenter-Bomben, die immer zusammen abgeworfen wurden. Bei Angriffen auf den Bahnhof konnte man das recht gut beobachten. Meist, es war auch Vorschrift, verkroch man sich aber in den Keller, der zu diesem Zwecke etwas wohnlich eingerichtet war. Unserer war gewölbt und galt als stabil. Einem Volltreffer hätte er sicher nicht standgehalten.
Es gab auch Bombenabwürfe über dem Dorf. Immer wurden Häuser getroffen und es gab viele Tote und Verletzte. Nachdrücklich in Erinnerung ist mir der Treffer auf das Anwesen meines Großonkels Karl Burgstahler, mit dem wir eng verbunden waren. Es gab mehrere Tote, darunter meine Großtante sowie einige Verschüttete.
Im Herbst 1943 wurde ich eingeschult. Vom ersten Schuljahr ist mir eigentlich nur noch in Erinnerung, dass mich als ersten der Klasse die damalige Höchststrafe, das „Hosenspanners“ erreichte. Weshalb ist mir entfallen, vermutlich war ich vollständig unschuldig. Das 2. Schuljahr gab es nur dem Namen nach. Zunächst fast täglicher Fliegeralarm, dann die Zeit um das Kriegsende, machten einen nur halbwegs geordneten Unterricht unmöglich. Nach der Kapitulation gab es keine Lehrer mehr. Irgendwann 1945 entdeckte man eine Dame mittleren Alters, die eine Lehrerausbildung hatte, diese aber schon lange nicht mehr ausübte. Von ihrem Wohnort Frankfurt war sie mit ihren zwei Buben in das heimatliche Graben geflohen. Frau Wehrheim nahm sich nach besten Kräften der Sache an. Alle Kinder der Klassen 1-4 bekamen von ihr dreimal wöchentlich je drei Stunden Unterricht. Später kamen dann erste Lehrer. Es waren Menschen mit Abitur und Kriegserfahrung, die in einer 6-Wochenbleiche zu Lehrkräften geschult wurden. Das Ergebnis war je nach Geschick und Verstand recht unterschiedlich, von gut bis schrecklich. Aber alle haben überlebt.
Um kurz bei der Schule zu bleiben, die vielen dem Ort zugewiesenen Flüchtlinge brachten natürlich auch ihre Kinder mit. Jeder Klasse wurden einige zugewiesen. Nach meinem Empfinden wurden alle gut aufgenommen, konnten sich rasch integrieren und waren bald prächtige Kameraden.
Meine Familie war sehr kirchlich geprägt und hatten ein Stück henhöferschen Pietismus im Blut. Sonntäglicher Kirchgang war für die Erwachsenen selbstverständlich. Die Jugend ging in den Kindergottesdienst oder abwechselnd in die von den Kinderschwestern abgehaltene Sonntagsschule. Ab 10 durfte man zur Jungschar des CVJM.
Seit damals bin ich bei diesem Verein, der zusammen mit dem Elternhaus mein Glaubensleben prägte. Lange Jahre trieben wir dort auch Sport. Wir spielten Tischtennis, Basketball, Volleyball, Handball und trieben Leichtathletik. Eine schöne Zeit, die zu vielen guten Freundschaften führte.
Das Kriegsende war für einen 8-jährigen Jungen, wie mich, recht abenteuerlich. Mein Sohn Jochen hat ein Buch darüber geschrieben und darin auch mir widerfahrene Erlebnisse verarbeitet. Heute finde ich es bemerkenswert, wie unbeschadet ich, auch seelisch, die tägliche Nähe zu Tod und anderen Schrecknissen überstanden habe.
Erinnern kann ich mich noch gut daran, wie wir im Keller übernachteten, wie Granaten heulten und explodierten und morgens „Marokks“ kamen und alles durchsuchten. Im Hof stand ein Panzer und im Garten war der hintere Zaun aufgeschnitten und Schützenlöcher gegraben. Meine Eltern waren für einige Tage verschwunden. Wo und weshalb sie sich versteckt hatten, erfuhr ich erst später.
Die Franzosen hatten Graben eingenommen und kontrollierten es sehr straff. Ich erinnere mich daran, wie an allen Ortsausgängen Posten standen, die jeden der raus oder rein wollte streng kontrollierten. Es gab das Verbot, abends auf die Straße zu gehen und gegenwärtig ist mir auch, wie sie einmal meinen Vater einkassierten. Wir hatten riesige Angst um ihn. Aber nach einigen Stunden erschien er wieder, die Besatzung hatte einfach Hilfskräfte zum Ausladen von Munition benötigt und eingesammelt, wen sie erreichen konnte.
Die Franzosen wurden bald durch die Amis ersetzt. Jetzt ging es viel humaner und großzügiger zu. Für unsere Straße kam es jedoch zu einer besonderen Belastung. Die vier Lehrerhäuser gefielen den Amis und sich ließen sie kurzerhand für ihre Offiziere räumen. Die Bewohner sollten auf der anderen Straßenseite sehen, wie sie unterkamen. Bei den Vertriebenen waren auch die Hoffmanns-Buben. Der etwa 12-jährige Gerd war ein guter Turner und entwickelte sich zu unserem Rädelsführer. Wir mussten bis 30 zählen und er hatte vom Vorgarten aus den Hausfirst erklommen. Respekt vor den Besatzern hatte er nicht. Er klaute was er bekommen konnte, auch Zigarren. Auf dem Grasplätzle, hinter den Bretterstapeln, gelangte auch ich zum ersten Rauchererlebnis.
Kriegs- und Nachkriegszeit prägte ein geordneter Mangel. Lebensmittelkarten gab es für alle. Um richtig satt zu werden, baute auf dem Dorf fast jeder Ackergelände. Wir hatten einen richtigen Nebenerwerbsbetrieb. Im Stall gab es Ziegen, Schweine, Hasen, Hühner. Auf dem Feld wurde angebaut was es zum Leben bedurfte: Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Kartoffeln, Dickrüben, Weiße und Gelbe Rüben, aber auch Tabak, Spargel und manchmal Mohn. Behalten durfte man davon nur einen Teil. Da auch andere leben wollten gab es die Ablieferungspflicht, die streng gehandhabt wurde. Fast der ganze Ackerbau war Handarbeit. Kinder wurden da ganz selbstverständlich einbezogen und niemand hat sich daran gestört.
Wie etwa 95 % meiner Schulkameraden bin ich bis zur 8. Klasse in der Volksschule geblieben. Ich bin gerne zur Schule gegangen, sie hat mich wenig belastet. Die Berufswahl war nicht vergleichbar mit heute. Es gab viel zu wenig Lehrstellen. Oft wurde der Beruf nach dem gewählt, zu dem man eine Lehrstelle bekommen konnte und auch gute Schüler brauchten oft Monate, bis sie einen Ausbildungsplatz erhielten.
Etwas kaufmännisches hatte ich im Sinn. Mit der Braun‘schen Hochschul-Buchhandlung in Karlsruhe wurde ich handelseinig und lernte dort Einzelhandelskaufmann. Dem schloss sich eine verkürzte Lehrzeit zum Buchhändler an. Gerne denke ich an die rund 5 Jahre im Buchhandel zurück. Sie haben mir sehr viel gegeben. Es musste stramm gearbeitet werden und es war eine ungemein allgemeinbildende Arbeitswelt. Um die 12,- DM, für eine Monatskarte bei der Bahn zu sparen, fuhr ich über die Sommermonate mit dem Fahrrad nach Karlsruhe. Dies 6mal die Woche, denn 5 1/2 Tage mit 48 Stunden war die übliche Arbeitszeit. Es gab 4 Wochen Urlaub bis zum 18. Lebensjahr, später noch 14 Tage.
Als ich erfuhr, die örtliche Bezirkssparkasse suche einen Lehrling oder eine Nachwuchskraft, bewarb ich mich dort und wurde zum 1.9.1956 eingestellt. Die Sparkasse befand sich im Obergeschoss des südlichen Rathausflügels auf 60 qm und hatte zusammen mit der Zweigstelle Liedolsheim 8 Beschäftigte. Es ging sehr genau und etwas altväterlich zu. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls begann für mich damit eine neue Zeitrechnung.
11/2025
Alfred Metzger
