Peter Brecht - Wintersport am Bahnhofsbuckel
Wintersport am Bahnhofsbuckel

Foto: Alfred Marzinka (ca. 1954)

Peter Brecht - Wintersport am Bahnhofsbuckel

Für die Kinder aus Neudorf war in der 1940er und 1950er Jahren der Bahnhofsbuckel das Wintersport- und Ferienparadies. Sie fanden auf dem Areal vieles, was ihre Lust auf Abenteuer-Erlebnis und sportliche Betätigung stillen konnte.

Um sich das wieder in Erinnerung zu bringen muss man sich den Bahnhofs-Buckel in seiner früheren Form vorstellen, wie er bis ca. Ende der 1950er Jahre bestanden hat. Er führte die B 36 von der Kanalbrücke ziemlich gradlinig Richtung Graben hoch um dann nach etwa 150 bis 200m in enger Kurve über die Alte Eisenbrücke die Bahngleise zu überqueren. Rechts und links war die Straße mit ausgewachsenen  Birnbäumen bestanden, an einer Seite war ein schmaler Sandweg für die vielen Fußgänger von und zum Bahnhof. Mehrere Seitenwege führten vom Straßendamm in die Feldbereiche, zum Bahnhof, zum Wohngebiet Johannisgrund und zum Baggerloch, heute Prestelsee genannt.

Wenn es nun zur Winterzeit endlich einen Schnee hingelegt hatte, und das scheint in der Erinnerung doch öfters als heute der Fall gewesen zu sein, dann herrschte auf und um den Buckel ein lebhaftes Treiben und Schlittenfahren bis in die Nacht hinein. Autos sind damals bei Eis und Schnee fast keine gefahren und der Buckel war ganz für die Kinder da. Der Bahnhofsbuckel hatte für alle „Leistungsstufen“ und Altersklassen etwas zu bieten. Umso mühsamer musste man wieder den steilen Aufstieg erklettern. Am Anfang waren die kürzeren und nicht so schwungvollen Abfahrten, die waren für die Jüngsten. Je weiter nach oben, desto waghalsiger und erlebnisreicher war die Rutschfahrt. An einer Rutsche war in der Mitte noch eine Kuhle, über die man mit Spaß elegant hinweghopsen konnte. Es mag wohl noch ein kleiner Bomben- oder Granattrichter vom Krieg gewesen sein.

Die tollste Abfahrt und auch die längste über ca. 25m war die steile Rutsche kurz vor der Brücke. Hier wagte es nicht jeder hinunter zu sausen. Bei eisglatter Bahn konnte man so in Fahrt kommen, dass es einen über eine Bodenwelle wie bei einer Schanze mit Schwung hoch und samt Schlitten etwa 5m weit getragen hat. Das war eine besondere Mutprobe. Bei einem ausreichenden Schneepolster war das weiter nicht gefährlich, jedoch sind auch immer wieder Unfälle vorgekommen. So ging auch einmal ein Schrecken durch die Reihen, als sich ein Junge einen Knochenbruch zugezogen hat. Ernüchtert und erschrocken zogen die meisten dann bedrückt nach Hause. Aber es hielt sie in den folgenden Tagen doch nicht vom Buckel fern, und Mädchen und Buben kamen, vorübergehend etwas vorsichtiger, wieder an die Stätte des winterlichen Tummelns zurück.

Erst wenn am Abend nach Einbruch der Dunkelheit die Arbeiter, meist zu Fuß und die Tasche unterm Arm, vom Bahnhof kamen, nahm das Treiben sein Ende. Mancher Sprössling wurde dabei vom Vater gleich eingefangen und nach Hause geschlittert. Spätestens  wenn Hände und Füße allzu sehr „funkelten“ und vor Kälte fast steif waren, zog es die Kinder an den heimischen Herd zurück. Dort gab es oft noch ein Gerangel, wer zuerst seine kalten Füße in den Backofen des Küchenherdes strecken durfte.

Bald hat es dann aber geheißen :„Ab ins Bett, morgen früh müsst ihr bei Zeit wieder uffsteh!“

Ja, so war es früher – ohne Apres-Ski.

 

Nach Peter Brecht / Heimatbrief 1993

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