
Meine Jugend- und Schulzeit
Sofie Debatin geb. Layher
Der letzte Kaiser Wilhelm II. und der Mozart - wir drei haben am 27. Januar Geburtstag , aber natürlich in verschiedenen Jahre, bei mir ist es 1933.
Wir waren 5 Geschwister und ich war die mittlere. Meine älteste Schwester Lina (Jg. 1924) war meine Leitfigur, sie musste immer viel in der Familie arbeiten. Vor ihr habe ich immer großen Respekt gehabt. 1943 ging sie zum Roten Kreuz und lernte dort Krankenschwester, später arbeitete sie in Mannheim. Dort habe ich sie oft besucht.
Gewohnt haben wir ab 1940 in bescheidenen Verhältnissen in einem Hinterhaus in der Kapellenstraße. Die Toilette war auf dem Hof, aber wir hatten einen eigenen Eingang und einen Hof zum Spielen. Das war eine gute Zeit.
In die Schule in Neudorf bin ich bis 1947, bis Ende der 6. Klasse gegangen. Vor 1940 wohnten wir in der Luisenstraße und mein Schulweg über die Huttenheimer Straße war immer beschwerlich, viele Truppen waren dort Richtung Rheinbrücke nach Frankreich unterwegs. Der Volksemfänger( Radio) wurde bei Sondermeldungen auf die Fensterbänke an die Straße gestellt so dass alle zuhören konnten. Es sind dann auch immer schöne Lieder gekommen.
Statt der Nachrichten kamen im Radio die Wehrmachtsberichte, die wurden in der Schule besprochen und an Landkarten nachgestellt.
Ich habe viel gelesen, Pfarrer Schmidt hatte eine gut aufgestellte Bibliothek und ich habe viel ausgeliehen, es hat ja keinen Fernseher gegeben.
An den Krieg habe ich mancherlei Erinnerungen, ab der 3. Klasse war Jungmädchenschar und es war immer etwas los. Wir waren oft zusammen und haben auch viel zusammen gesungen. Mein Vater war nicht im Krieg weil er magenkrank war.
Die Nachkriegszeiten unter französischer Besatzung habe ich bewusster erlebt, da war ich 12 Jahre alt.
Nach 1945 sind die Schulen überall für ein dreiviertel Jahr ausgefallen bis es weiter ging und die Schulen wieder auflebten. Die Schüler der 8.Klassen hatten kein Abschlusszeugnis bekommen und konnten sich später nur mit dem Zeugnis der 7. Klasse bewerben.
Irgendwann hat mein Vater beschlossen, dass ich mehr gefördert werden musste. Und da ist er 1947 mit meinen Zeugnissen in den Sommerferien zum Rektor Heuschmidt vom Realgymnasium Bruchsal, dem späteren Justus-Knecht-Gymnasium, gegangen damit ich auf das Gymnasium gehen kann. Und der Rektor hat gemeint, dass ich dazu Englisch lernen muss und dann könnte ich in die zweite Klasse kommen, auch weil ich ja älter als die anderen Schüler war.
Dann habe ich mit Hermann Vetter Englisch gelernt und kam 1947 im Sommer gleich in die 2. Klasse des Gymnasiums. Und weil ich intelligent und sehr fleißig war und auch gerne lernte übersprang ich noch die 4.Klasse, also von der 3.Klasse in die 5. Das war hart. Das war eine Leistung auf die ich heute noch stolz bin: Ich musste ja immer doppelt so viel lernen wie die anderen. Drei Jahre habe ich auch Latein gelernt. Für mich ist Geschichte ganz arg interessant. Im Gymnasium hatte ich einen tollen Geschichtslehrer: Er hat immer gesagt: Die große Geschichte ist sehr interessant, aber die kleinen Geschichtlen von Mensch zu Mensch, die sind einfach das Wichtigste.
Von Neudorf und auch von Graben waren wir ein paar Kinder, die mit dem Zug nach Bruchsal in die Schule fuhren. Dreimal in der Woche ( Montag, Mittwoch und Freitag) hatten wir auch nachmittags Schule und natürlich auch samstags. Wir mussten ja viel nachholen. Unser Schulweg in Bruchsal führte damals noch durch zerstörte Straßen mit viel Schutt.
Die Schulbücher mussten in Bruchsal bei der Buchhandlung „Ott und Braunbarth“ gekauft werden , manchmal haben uns ältere Schüler ihre Bücher gegeben weil es die Bücher nicht mehr gab, z.B. mein Lateinbuch „ ludus latinus“ habe ich von Heinrich Kirchgässner bekommen.
Aber das Glück war dass ich nach 4 Jahren schon das Einjährige ( heute Mittlere Reife) erreicht hatte.
1950 starb mein Vater mit 45 Jahren und ich musste im Sommer die Schule beenden und Geld verdienen, die Witwenrente meiner Mutter war klein. Dann ging ich als Bürokraft in die IWK nach Karlsruhe , 1955 bin ich zur SEW gewechselt auch weil dort schon samstags nicht mehr gearbeitet wurde.
Noch heute denke ich rückblickend:
Der Mensch ist das Produkt seiner Anlagen und seinem Fleiß. Aber das Leben ist nie einfach.
Zusatzbemerkung:
Frau Sofie Debatin war ab 1971 die 1. Gemeinderätin in Neudorf, später Graben-Neudorf (bis 1980). Ab 1980 arbeitete sie im Rathaus im Ordnungsamt.
Viele Jahre engagierte sie sich im Seniorenwerk Neudorf, das sie bis Januar 2023 verantwortlich leitete.
