Aus meiner Kinderzeit
Bernd Metzger
Meine ersten Erinnerungen gehen zurück in die letzten Monate des 2. Weltkriegs. Ich sehe noch vor mir, wie die Bomberpulks der Alliierten am Himmel entlang zogen. Bei Fliegeralarm ging´s ab in den Keller. Mein Vater hatte zwar in unserem Garten einen Erdunterstand gebaut, den wir nach meiner Erinnerung jedoch nie benutzten.
Apropos Fliegeralarm: Nach den Schilderungen meiner Mutter war auch Fliegeralarm als ich in den frühen Morgenstunden eines Dezembertags 1940 in einer Klinik in Karlsruhe das – künstliche – Licht der Welt erblickte.
Bei der Kinderbetreuung, ich habe noch einen älteren und einen jüngeren Bruder, wurde meine Mutter von sogenannten Landdienstmädchen unterstüzt. Hier ist besonders Lotte aus Karlsruhe zu nennen, an die ich mich zwar nicht mehr in ihrer Funktion erinnern kann, die uns aber noch viele Jahre besuchte und mit der ganz lange Kontakt gepflegt wurde.
Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten (sprich: Kinnerschul) Moltkestraße. Dort betreuten Schwester Emma und Schwester Helene in zwei Gruppen eine große Kinderschar. Wir hörten bib-lische Geschichten, lernten Kinderlieder und spielten zusammen. Im Sommer durften wir dazu in den Hof, auf dem es einen großen Sandkasten unter schattenspendenden Kastanienbäumen gab.
Nachmittags wurden für vielleicht eine halbe Stunde die Fensterläden geschlossen und wir sollten schlafen. Dazu hatte jeder ein Kissen, das auf den Pult vor seiner Bank gelegt wurde und auf das wie uns vorbeugten. Der Höhepunkt des Kindergartenjahres war die Mitgestaltung des Gottesdienstes am Heiligen Abend. Auf dieses Ereignis hin wurde intensiv gelernt. Den Weg zum Kindergarten legte ich übrigens selbständig zurück; später nahm ich zusätzlich meinen kleinen Bruder im Bollerwagen mit.
Aber zurück zu meinen frühesten Erinnerungen. Bei hereinbrechender Dunkelheit wurde peinlich genau darauf geachtet, dass alle Fenster und Türen lichtdicht verschlossen waren um für feindliche Angriffe keinen Anhalt zu bieten. Trotzdem bekam ich mit, wie einzelne Häuser im Ort durch Bomben zerstört wurden. Am Ortsrand waren ab und zu Bombenkrater zu sehen, wo die Bomben ihr Ziel verfehlt hatten und beim Aufschlag detoniert waren. Ich erinnere mich noch genau daran, wie 14 Tage vor Ostern 1945 das Haus meines Großonkels Karl durch eine Bombe zerstört wurde. Dabei kamen meine Großtante Mina und eine polnische Magd namens Pela ums Leben. Die beiden hatten es in den Keller geschafft und wurden wohl von den herabstürzenden Trümmern erdrückt. Onkel Karl befand sich zum Zeitpunkt der Detonation auf der Kellertreppe und konnte leicht verletzt geborgen werden. Eine Großtante Else, die wegen der Bombengefahr aus Frankfurt nach Graben gekommen war, war noch im Hausflur und trug lediglich eine Kopfplatzwunde davon.
Kurios bei dieser Geschichte war, dass eine Sammeltasse, die meine Großtante als Konfirmations-geschenk für ihre Nichte Gertrud bereitgestellt hatte, noch unversehrt auf dem Tisch des restlichen Wohnzimmers stand.
Die deutschen Soldaten habe ich nicht mehr bewusst erlebt. Am Ostermontag 1945 waren jedoch plötzlich fremde Soldaten da. Die französische Armee hatten unseren Ort eingenommen. Meist waren dies marokkanische Gesellen, braun bis kohlschwarz. Für uns Kinder natürlich aufregend, kannten wir schwarze Menschen nur vom Mohren aus dem Struwelpeter. Was die Soldaten in diesen Tagen alles angestellt haben, haben wir als Kinder nicht mitbekommen. Auch wurde nicht darüber geredet. Ich weiß aber noch, dass insbesondere unter dem weiblichen Teil der Bevölkerung die Angst vor Übergriffen umging. Die vorhin schon erwähnte Gertrud, eine Cousine meiner Mutter, wurde deshalb mittels Haarschnitt und Kleidung zum Gerd umfunktioniert. Meine Eltern und eine junge Frau aus der Nachbarschaft versteckten sich zeitweise im Kehlgebälk unseres Schopfes hinter „Wellen“ genannten Reisigbündeln. Die Frauen, um vor Übergriffen sicher zu sein, mein Vater, um nicht noch nachträglich in Gefangenschaft zu kommen. Mein Vater war zu Beginn des Krieges in Belgien eingesetzt und „durfte“ später am Russlandfeldzug teilnehmen. Als Obergefreiter der Infanterie war er an vorderster Front und gelangte bis kurz vor Moskau, wo der Angriff dann endgültig stecken blieb. Im russischen Winter trug er Erfrierungen davon, die zu Amputationen an den Füßen führten. Damit war der Krieg für ihn zu Ende, was ihn möglicherweise vor dem Heldentod oder russischer Gefangenschaft bewahrt hat.
Nach einiger Zeit wurden die Franzosen von den Amerikanern abgelöst. Auch hier vorwiegend schwarze Soldaten. Sie quartierten sich bei uns ein und stellten ihr Fahrzeug, ein Mischung aus Lastwagen und Panzer, bei uns im Hof ab. Ärgerlich für mich, dass im Hof meines Freundes Gerd in der Nachbarschaft ein richtiger Panzer stationiert war und nicht so ein popeliges Ding wie bei uns. Von den Amis gab es auch mal ein Kaugummi oder eine Rolle Drops, was für uns natürlich eine große Sache war. Ich weiß auch noch, dass es spezieller Genehmigungen des Militärs bedurfte, wollte man sich nach außerhalb des Ortes bewegen.
Die unmittelbare Nachkriegszeit war schwierig. Die Lebensmittel waren rationiert. Es wurden Lebensmittelkarten ausgegeben, die für jede Person bestimmte Mengen von Grundnahrungsmitteln vorsahen. Zum Einkaufen standen im Ort zahlreiche „Tante-Emma-Läden“, oft auch Kolonial-warengeschäfte genannt, zur Verfügung. Wir kauften entweder bei „Drehers“, bei „Bickeles“ oder auch bei Kammerers ein. Alle Lebensmittel gab es in offener Form und wurden in Tüten – auch Gugg genannt – abgefüllt. Die Tüten wurden in der Regel mehrfach verwendet, d. h., man brachte die Tüten wieder zum Einkaufen mit.
Vor der Währungsreform blühte der Schwarzhandel. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ab und zu fliegende Händler auftraten, die Kleidungsstücke und andere nützliche Gegenstände anboten, die im regulären Handel nicht zu haben waren. Die Währung war meistens Tabak; gehandelt wurde wie auf einem orientalischen Basar.
Wir waren allerdings in einer privilegierten Position, weil wir eine Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben und einen großen Garten hatten.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir einmal mit dem Pferdefuhrwerk nach Karlsruhe fuhren um Kartoffeln und Gelberüben zu liefern. Beeindruckt hat mich dabei das bogenförmig verlegte Granitkleinpflaster auf der Linkenheimer Landstraße und die Tatsache, dass man, eben noch im Wald, nach wenigen Metern plötzlich mitten in der Stadt war.
Der Getreide- und Kartoffelanbau lieferte die Grundnahrungsmittel, der Garten Gemüse, Beeren und Obst. Wir hielten Hühner und Kaninchen als Eier- und Fleischlieferanten. Versuche mit Enten und Truthühnern wurden bald wieder aufgegeben. Mehrere Ziegen waren Milchlieferanten. Mit Hilfe einer Zentrifuge wurde aus der Milch Rahm gewonnen, die im Butterfass dann zu Butter geschlagen wurde. Es gab Leute, die Ziegenbutter und Ziegenmilch nicht mochten; wir waren von klein an an nichts anderes gewohnt.
Für die Fleischversorgung am wichtigsten war allerdings die Schweinezucht. Jeden Winter wurden bei uns zwei Schweine geschlachtet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde uns allerdings eines geklaut, angeblich von freigekommenen polnischen Kriegsgefangenen bzw. Zwangsarbeitern.
Die Hausschlachtungen waren wirklich ein Fest. Unser Hausmetzger war über viele Jahre Wilhelm Seeber, der sehr redselig war und vieles über seine Heldentaten berichtete. Zum Mittag gab es Wellfleisch mit Sauerkraut, am Nachmittag wurde gewurstelt, Leberwurst, Griebenwurst und Schwartenmagen in Därme und Dosen verteilt. Das für Schinken bestimmte Fleisch wurde in Salzlake gelegt und einige Zeit später geräuchert. Zum Abschluss des Schlachtfestes gab es Kaffee mit Hefekranz.Wir Kinder hatten die Aufgabe, Wurstsuppe und meist jeweils ein paar Würste an die nähere Verwandtschaft und Bekanntschaft zu verteilen.
Ab und zu erhielten wir ein Carepaket aus Kalifornien von einer Verwandten meiner Großmutter. Das enthielt Köstlichkeiten wie Bohnenkaffee oder Schokolade, die wir sonst nur vom Hörensagen kannten.
Die Stromausfälle in der Zeit um das Kriegsende führten zu keinen größeren Problemen. Zur Beleuchtung standen Petroleumlampen und Karbidleuchten zur Verfügung. Geheizt wurde mit Holz und Kohle, das Wasser kam aus dem Brunnen im Hof. Nur der Volksempfänger verstummte.
Die erste Tätigkeit meiner Mutter am Morgen war den Küchenherd anzuheizen. Mit Hilfe von Kienholz, Anfeuerholz und Zeitungspapier wurde dieses bewerkstelligt. Im Winter wurde am Nachmittag der Ofen im Wohnzimmer angeheizt, zuerst mit Holz, dann mit Kohlen und später, wenn es warm genug war, mit Brikett. Die Kohlen wurden mit Hilfe eines speziellen Kohleeimers aus dem Keller geholt.
Da mein Großvater und mein Vater Bürgerrechte genossen, hatten sie Anspruch auf mehrere Ster Bürgerholz aus dem Gemeindewald. Zusätzlich gab es noch eine bestimmte Anzahl sogenannter Wellen: Bündel aus Schwachholz und Reisig. Für das Bürgerholz war lediglich der Holzmacherlohn zu entrichten. Bei der Zuteilung des Bürgerholzes wurden im Rathaus Holzzettel ausgegeben, auf denen die Abteilung im Gemeindewald und die Nummer des zugeteilten Sters angegeben war. Das Holz musste selbst geholt werden. Es wurde dann in Scheite aufgespalten und zum Trocknen aufgesetzt. Monate später wurde dann die Sägemaschine bestellt, die die Scheite in handliche Stücke zerkleinerte. Diese wurden aufgespalten und auf den Holzplatz im Schopf verbracht.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit ging ich zusätzlich mit meiner Großmutter in den Wald um Lesholz und Hockelen (Kiefernzapfen) zu sammeln und mit dem Leiterwagen nach Hause zu transportieren.
Das Bürgerrecht umfasste zudem den Anspruch auf Neufeldstücke, Wiesen und Krautstücke. Auf ersteren wurden Mais, Weizen und Kartoffeln angebaut. Die Wiesen lieferten das Heu für die Viehhaltung, die Krautstücke Grünfutter im Frühjahr und Sommer. Auf unseren auf der ganzen Gemarkung verstreuten Äckern standen Roggen, Kartoffeln, Spargel, Tabak und Dickrüben als Viehfutter über den Winter. Bei der Heuernte und der Getreideernte bildeten wir eine Arbeitsge-meinschaft mit meinem Großonkel. Der hatte ein kräftiges Pferd und die notwendige Mähmaschine.
Später, als mein Großvater seine Landwirtschaft aufgegeben hatte, erbte mein Vater selbst ein Pferd, das für leichtere Arbeiten wie mit dem Hackpflug und der Egge geeignet war und das auch den Wagen ziehen konnte. Für schwerere Arbeiten, wie z.B. das Pflügen von Äckern, griffen wir auf das Pferd unseres Größonkels zurück.
Von Kind auf war ich bei den Arbeiten unserer Landwirtschaft dabei und habe allerlei Aufgaben übernommen. Beim Spargelstechen zuerst als Zudecker, später als eigenständiger Ernter. Beim Dreschen des Getreides musste ich auf das Pferd aufpassen oder aber dafür sorgen, dass die Spreu sich richtig auf dem Bauernwagen verteilte. Die Dreschtermine musste man im Voraus buchen; allerdings gab es oft erhebliche Verspätungen, wenn technische Defekte an den Dreschmaschinen auftraten. Dann wurde schon mal bis in die Nacht hinein gedroschen.
Ein besonderes Kapitel war der Tabakbau, der neben dem Spargelbau eine wichtige Einnahmequelle darstellte und auch von vielen Nebenerwerbslandwirten betrieben wurde ebenso wie das Spargelgeschäft.
Für das Einfädeln des Tabaks wurde jede Hand gebraucht. Deshalb durften auch ältere Kinder mithelfen. Die Attraktion dabei war, dass die Arbeit vergütet wurde. Für jedes eingefädelte Bandlier bekam man 10 Pfennige. Dabei kam manche Mark zusammen.
Die Währungsreform im Juni 1948 wurde von mir übrigens als wirtschaftliche Katastrophe empfunden. Mein bis dahin angespartes Reichsmarkguthaben in dreistelliger Höhe schrumpfte über Nacht auf einen zweistelligen Betrag zusammen. Das Sparziel, ein eigenes Fahrrad, rückte damit in weite Ferne und konnte erst Jahre später mit dem zur Konfirmation geschenkten Gelde realisiert werden.
Mein erstes Fahrrad hatte mir mein Vater aus einem älteren Damenfahrrad hergerichtet, indem er den Sattel am Sattelrohr auf die richtige Höhe angeflanscht hatte. Ausgestattet war dieses Vehikel mit Vollgummireifen, die zwar unplattbar waren aber auch jede Unebenheit der Fahrbahn ungefiltert auf das Hinterteil des Fahrers übertrugen.
Eine wesentliche Rolle in meiner Kindheit spielte die Jungschar des CVJM. Neben den Jungschar-stunden im sog. „Stall“, einer zu einem Gruppenraum umgebauten Scheune in der heutigen Karlsruher Straße, waren die sonntäglichen Geländespiele im Gemeindewald eine Attraktion.
Mit der Jungschar erlebte ich auch meinen ersten „Urlaub“. Das Mindestalter für die Teilnahme an einer Freizeit war zwar 10 Jahre, wer aber einen älteren Bruder dabei hatte, so wie ich, durfte schon vorher mitfahren. Im Jahr 1950 startete also meine erste Freizeit in Balg, heute ein Ortsteil von Baden-Baden. Untergebracht waren wir in Baracken des verflossenen Arbeitsdienstes in Stockbetten, alle in einem Raum. Für die Verpflegung, die durch mitgekommene Küchenfrauen sichergestellt wurde, mussten vorher bestimmte Naturalien abgeliefert werden. Für das Frühstück hatte jeder Teilnehmer seinen Laib Brot, Sanella und Marmelade dabei. Als Waschanlage dienten mit Wasserhähnen versehene Blechtröge im Freien. Das Tagesprogramm umfasste Frühsport, Bibelbetrachtungen, Spiele und ausgedehnte Wanderungen.
Ein gutes Jahr nach Kriegsende wurde ich eingeschult. Eines der wichtigsten Utensilien in den ersten beiden Schuljahren war die Schiefertafel für Schreib- und Rechenübungen. An der Seiten waren an Schnüren ein Schwamm zum Löschen der beschriebenen Tafel und ein Lappen zum Trocknen der Obefläche angebracht. Geschrieben wurde mit einem Schiefergriffel, der in einem sog. Griffelkasten aufbewahrt wurde. Eines Tages zerbrach meine Tafel beim Fall auf den Boden.
Mein Vater fixierte die Bruchstelle mit zwei Unterlegscheiben, die mit einer Schraube verbunden waren. Natürlich war die Gebrauchsfähigkeit der Tafel dadurch sehr eingeschränkt. Welch ein Wunder, als mir der Lehrer wenige Tage danach eine neue Tafel überreichte. Später habe ich herausgefunden, dass mein Großvater, bei dem der Lehrer logierte, hinter diesem Wunder steckte.
Die ersten Schuljahre waren gekennzeichnet von häufigem Lehrerwechsel. Erst im vierten Schul-jahr stellte sich Kontinuität ein, als ein Junglehrer aus Neudorf in meiner Klasse seine erste Stelle antrat. Der Neuling war Hermann Vetter, der seine ganze berufliche Karriere in Graben-Neudorf verbrachte und zuletzt Rektor der Pestalozzischule war. Er war für alle Fächer zuständig außer evangelischer Religion und Naturkunde. Für letzteres hielt sich Rektor Philipp Hoffmann zuständig.
Jeden Montag Morgen warteten wir gespannt darauf, welche Laune unser Klassenlehrer mitbrachte. Er war nämlich Aktiver in der ersten Mannschaft des Neudorfer Fußballvereins. Wurde das Sonntagsspiel gewonnen, war er bester Laune; war das Gegenteil der Fall, war es besser, „in Deckung“ zu bleiben.
Nach der vierten Klasse verließen uns lediglich vier Klassenkameraden, um auf das – damals noch kostenpflichtige – Gymnasium zu wechseln.
Die Prügelstrafe war eine probate Erziehungsmethode. Sie wurde in zwei Varianten angewendet:
Tatzen, bei uns „Dabsen“ genannt, Schläge mit dem Rohrstock über die Finger, oder das sog. „Hosenspannes“, das aus Schlägen auf das Hinterteil bestand und nur Knaben vorbehalten war. Auch eine spontane Ohrfeige konnte es setzen. Normalerweise erzählten wir zuhause nichts von empfangener Prügel, denn der Kommentar unserer Erziehungsberechtigten lautete schlicht: „Du werschst verdient ho“.
Ende der siebten Klasse erlebte unsere Schule einen veritablen Skandal. Der Klassenlehrer unserer Parallelklase war seiner Zeit weit voraus und praktizierte außerhalb des Lehrplanseinen anschaulichen Sexualkundeunterricht. Die Bombe platzte schließlich; der Lehrer wurde umgehend suspendiert. Die Klassenaufteilung für die achte Klasse wurde daraufhin nach Geschlechtern vorgenommen, d.h., es gab eine Klasse für Mädchen und eine Klasse für Jungen.
Auf seiten der Geistlichkeit blitzte kurz die Frage auf, ob man diesen verdorbenen Haufen überhaupt konfirmieren könne. Der Gedanke verschwand aber sofort wieder in der Versenkung.
Der Konfirmandenunterricht beinhaltete ein beachtliches Pensum von Dingen, die auswendig zu lernen waren: Liedverse, Bibelstellen und Katechismuspassagen. Bei der sog. „Konfirmanden-prüfung“ wurden diese Dinge vor versammelter Gemeinde abgefragt. Pfarrer Müller achtete peinlich darauf, dass auch wirklich jeder und jede sich präsentieren konnte. Im übrigen legte Pfarrer Müller sehr großen Wert darauf, dass sich seine Schäflein wirklich auf die Konfirmation konzentrierten. Jegliche Teilnahme an Lustbarkeiten aller Art war verpönt. Dazu gehörten u.a. der Kinobesuch und das Benutzen von Fahrgeschäften auf dem Spätjahrsmarkt. Auch das Mitwirken beim Fußball war verdächtig. Immerhin gab es zur Konfirmation einen Maßanzug, gefertigt von Meister Gamer. Ein Luxus, der in späteren Zeiten nicht mehr drin war.
Während der 8. Klasse gehörte ich zu den Läutebuben, die für das Läuten der Kirchenglocken zu Gottesdiensten, Hochzeiten und Beerdigungen zuständig waren. Für letzere Anlässe fielen auch ein paar Mark ab.
Meine Schulzeit endete mit einer Enttäuschung. Der Bürgermeister hatte meinen Vater aufgefordert, mich auf dem Rathaus als Verwaltungslehrling zu bewerben. Als gehorsamer Sohn habe ich dies natürlich getan. Der Gemeinderat sah mich jedoch dem politischen Lager des Bürgermeisters zugehörig, waren doch mein Großonkel und mein Patenonkel Gründungsmitglieder der örtlichen CDU. Die Gemeinderatsmehrheit sah die zu treffende Entscheidung als Gelegenheit an, dem Bürgermeister zu zeigen, wer das Sagen hat und entschied sich für meinen Mitbewerber. Die Rache des Bürgermeisters bestand darin, dass er niemand einstellte.
Für mich bedeudete diese Entscheidung fünf weitere Schuljahre. Im Nachhinein denke ich, dass diese Entscheidung meine beruflliche Entwicklung positiv beeinflusst hat.
Bernd Metzger
